Doris WildgrubeMit der Heimat verwurzelt, aber in der Welt unterwegs

Doris Wildgrube aus Arnoldsgrün arbeitet als gefragte Elektro-Ingenieurin und Energieberaterin auf internationalen Baustellen, in ihrer Heimat tritt sie vor allem als Mundartautorin auf. Wie geht das zusammen? Das ist kein Widerspruch, sagt sie und ergänzt: „Wer sich viel in der Welt herumtreibt, lernt sein Zuhause und seine Kultur erst richtig schätzen.“

Im Laufe der Jahre hat die 58-Jährige fremde Länder, die dortigen Menschen und deren Alltag gut kennengelernt - beispielsweise in Marokko, wo sie den Bau von Photovoltaik-Anlagen betreute.

Weitere Aufträge führten die freie Ingenieurin nach Frankreich, Spanien und sogar bis nach Kirgisistan.

„Ich konnte beobachten, wie stolz Menschen auf ihre Kultur sind. Im Vogtland merke ich oft, dass einigen ihr Dialekt peinlich ist. Dabei müssen wir uns wirklich nicht schämen.“

Denn wenn man sich seiner eigenen Wurzeln bewusst ist, bräuchte man auch keine Angst vor anderen Einflüssen haben, meint sie.

„Wir könnten doch offen bleiben, wenn wir mit Selbstbewusstsein unsere Traditionen und unseren Glauben leben.“

Das habe sie bei ihren Reisen gelernt.

Seit sechs Jahren engagiert sie sich für unehelich schwangere Frauen in Marokko, die oft aus der Gesellschaft ausgestoßen werden.

„Als ich erstmals ein Zufluchtshaus besuchte, war ich entsetzt. Die Frauen lagen mit ihren Neugeborenen schutzlos auf der Erde.“

Seitdem hat Doris Wildgrube Spenden gesammelt, beispielsweise durch Reise-Vorträge, und das Geld dem sozialen Projekt „Association Widad“ übergeben. Inzwischen haben die Frauen Betten, eine eigene Küche und erhalten Unterricht von einem Koch, um ihren Lebensunterhalt selbst verdienen zu können.

Eine Herzensangelegenheit ist für Doris Wildgrube die vogtländische Mundart. Sie gründete den Vogtländischen Mundartkreis, der im Moment rund 30 Mitglieder zählt. Alle zwei Jahre veranstalten die Autoren die Vogtländischen Mundarttage im Freilichtmuseum Eubabrunn, mit verschiedenen Lesungen in der ganzen Umgebung.

Foto: Lars Rosenkranz
Foto: Lars Rosenkranz

Dazu kommen Mundart-Stammtische, Mundart-Wanderungen und neu ein Schüler-Vorlesetag im November in der Stadtbibliothek in Oelsnitz.

„Wichtig ist uns, den jungen Leuten mit Selbstbewusstsein die eigenen Wurzeln zu vermitteln. Deshalb lesen unsere Mundart-Autoren auch in den Schulen.“

Leider würden viele Eltern inzwischen peinlichst darauf achten, dass der Nachwuchs keinen Dialekt spricht.

„Dabei geraten sie oft in Konflikt mit den Großeltern, die noch reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Die Mundart ist ein Stück Kultur- und Heimatgeschichte. Wenn ich auf großen Baustellen unterwegs bin, spielt es keine Rolle, ob ich daheim Dialekt spreche, solange ich mich auch in der Hochsprache und mit Fremdsprachen verständigen kann“,

sagt Doris Wildgrube, die Englisch, Französisch und Russisch spricht.

„Wenn jemand tief mit seiner Heimat verwurzelt ist, kann er trotzdem gut in der Welt und mit unterschiedlichen Sprachen zurechtkommen.“

„Als Kinder haben wir auf den Bauernhöfen viel mit den Alten in vogtländischer Mundart gesprochen“,

erinnert sich die Arnoldsgrünerin. Im Studium an der Technischen Universität in Dresden musste sie sich dann umstellen:

„Aber irgendwann habe ich im privaten Bereich meine Mundart bewusst wieder genutzt.“

Später arbeitete Doris Wildgrube als Ingenieurin im Elektromotorenwerk Dessau. 1986 starb ihre geliebte Oma in der Heimat.

„Ich konnte nicht heim, das war sehr schlimm für mich. Ich fing an, Geschichten in Mundart aufzuschreiben, die ich mit ihr erlebt hatte.“

1988 ging sie zurück nach Arnoldsgrün, auch Sohn Sebastian, der inzwischen als Musiker auf sich aufmerksam macht, kam in der Heimat zur Welt.

In der Wendezeit musste sie sich durchkämpfen.

„Ich holte weitere Abschlüsse als Energieberaterin nach - anfangs ein wenig beachtetes Thema.“

Aktuell betreut Doris Wildgrube Baustellen von Niedersachsen bis in das Allgäu und hat für die vogtländische Stadt Falkenstein das Energie-Management übernommen.